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Kaiserin Auguste Viktoria - Helene Lange

NOMEN EST OMEN

Die Helene-Lange-Schule kennt fast jeder in Linden, und auch den früheren Namen Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium hat wohl noch mancher im Ohr. Wer waren eigentlich diese beiden Personen? Was hatten sie gemeinsam? Was unterschied sie? Weshalb gab man gerade einer Schule ihre Namen und behält ihn auch in der heutigen Zeit noch bei?

Wer war nun die Frau, die als Kaiserin Auguste Viktoria der Schule als erste ihren Namen gab? Ihre Daten sind schnell aufgezählt, denn kaum ein heutiges Lexikon nennt ihren Namen, schon gar kein pädagogisches! Fast immer wird sie nur als Familienanhängsel erwähnt, zuerst bei ihrem Vater, später bei ihrem Ehemann, dem sie ja auch den Titel verdankt.

Sie wurde am 22. Oktober 1858 in Dolzig in Polen geboren als die älteste Tochter des Herzogs Friedrich VIII. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und der Prinzessin Adelheid von Hohenlohe-Langenburg. Sie genoß eine streng kirchliche Erziehung und heiratete - dreiundzwanzigjährig - den Prinzen Wilhelm von Hohenzollern, den Enkel des damaligen deutschen Kaisers. Sie starb im Alter von 52 Jahren, am 11. April 1921, in Doorn bei Amerongen in den Niederlanden, wo sie mit ihrem Mann, Kaiser Wilhelm 11., nach dem verlorenen 1. Weltkrieg im Exil lebte.

Bemerkenswert ist wohl, daß ihre Heirat - zumindest von preußischer Seite aus - zunächst als Vernunftehe geplant war, die der Versöhnung der beiden Fürstenhäuser dienen sollte. Hatte doch Bismarck den Vater der späteren Kaiserin immer wieder schmählich behandelt und schließlich sein Herzogtum dem preußischen Königreich ganz einverleibt. Das ließ zunächst nichts Gutes ahnen. Aber es kam dann doch alles ganz anders!

Von den Untertanen im Deutschen Reich schlug dem jungen Brautpaar eine Welle von Sympathie entgegen, und hätte es damals schon Fotoreporter und eine Regenbogenpresse im heutigen Stil gegeben, dann hätte sich die Popularität der beiden sicher mit der von Lady Diana und Prinz Charles messen können. Immerhin hatte der Prinz, der sein Leben lang darunter litt, daß er von Geburt an leicht körperbehindert war, eine schöne Gemahlin gefunden. Und daß der Mann sogar noch etwas jünger war als die Prinzessin, sorgte verständlicherweise zusätzlich für Gesprächsstoff. Kurz: Aus der Vernunftehe wurde eine ausgesprochen glückliche Ehe, aus der sechs Söhne und eine Tochter hervorgingen. Von allen wird der ausgeglichene Charakter der Kaiserin hervorgehoben, durch den sie ihrem Mann besonders in Krisenzeiten - und die gab es schließlich auch vor dem Weltkrieg durch das unüberlegte Handeln des Kaisers schon sehr oft - immer wieder Halt bieten konnte. Auguste Viktoria hatte anfänglich kein besonderes politisches Interesse. Sie engagierte sich auf kirchlich-sozialem Gebiet und sah ihre Hauptaufgabe in der Fürsorge für ärmere Volksschichten und - im 1. Weltkrieg - in der Verwundetenpflege. Und das alles tat sie nicht etwa, weil es zum guten Image einer Kaiserin gehörte. Sie war vielmehr durch ihre Erziehung mit den Gedanken und Ideen Stöckers und von Bodelschwinghs vertraut und identifizierte sich damit.

Erst sehr spät versuchte sie - leider manchmal erfolgreich - politisch Einfluß zu nehmen. Ohne Sachkenntnis und ohne ein gewisses Maß an Gespür für die Strömungen und Gegebenheiten der Zeit versuchte sie, Entschließungen des Kaisers zu forcieren oder rückgängig zu machen. Sympathie oder Antipathie gegenüber Politikern waren dabei in erster Linie Richtschnur ihres Handelns. Dabei schreckte sie nicht einmal vor Intrigen zurück. Beispielhaft ist dafür ihr durch die Vorliebe für Bülow und die Gegnerschaft zu Bethmann Hollweg bestimmtes Treiben. Nur weil sie Tirpitz als Person mochte, unterstützte sie dessen verhängnisvolle Flottenpolitik. Ihr reaktionäres Verhalten wurde besonders in den Kriegsjahren deutlich, wenn sie immer wieder für eine harte Kriegsführung eintrat und sich nach innen gegen jede Art einer Demokratisierung der Verfassung aussprach.


Wie ganz anders stellt sich uns doch dagegen der Lebensweg Helene Langes dar.

Die Eckdaten ihres Lebensweges sind ebenfalls schnell aufgezählt, auch wenn ihr Name inzwischen in fast keinem Lexikon fehlt und sie in einigen gar als Hauptvertreterin einer ganzen Richtung genannt wird: in den soziologischen Lexika als Vorkämpferin der Frauenbewegung, in den pädagogischen als Verfechterin einer höheren Mädchenbildung.

Sie kann nicht mit wohlklingenden Namen aus der Familiengeschichte aufwerten; sie hat sich ihre Bekanntheit selbst erarbeitet, selbst erkämpft. Am 9. April 1848 wurde sie in Oldenburg geboren, einem der ganz wenigen Kleinstaaten in Deutschland, die von den politischen Wirren der damaligen Zeit verschont blieben.

In Abständen kehrte sie immer wieder in das Haus der Großeltern nach Oldenburg zurück, teils aus Anhänglichkeit an die Verwandten, teils aber auch, weil ihre wirtschaftliche Lage keinen anderen Aufenthalt erlaubte. Dort war sie dann eingebunden in das kleinbürgerliche, kleinstädtische Milieu, das durch Hausarbeiten, Einladungen mit belanglosen Gesprächen über Alltäglichkeiten und Handarbeiten ausgefüllt war. Helene Lange versuchte, aus diesem Kreis auszubrechen, indem sie sich autodidaktisch weiterbildete. Sie versetzte nicht nur den Buchhändler in Erstaunen, als sie sich dort Kants "Kritik der reinen Vernunft" bestellte. So etwas hatte es von einem jungen Mädchen in Oldenburg bisher noch nicht gegeben! Es ist in der Tat verwunderlich, daß sie nicht verzweifelte bei dem Versuch, den inhaltlich und sprachlich ungeheuer schweren Text ohne Anleitung alleine durchzuarbeiten. Für ein bildungsbewußtes junges Mädchen gab es zu damaliger Zeit nur zwei Möglichkeiten, man konnte Diakonissin oder Lehrerin werden. Helene Lange wollte Lehrerin werden. Als sie diesen Wunsch jedoch äußerte, wurde er von ihrem Vormund schroff abgelehnt. Ein solches Begehren aus dem Munde eines jungen Mädchens war für ihn ebenfalls unvorstellbar. Die wissensdurstige Schülerin ging dann als Au pair-Mädeben nach Frankreich und setzte ihre Studien fort. Anschließend nahm sie Stellen als Hauslehrerin in verschiedenen Orten auf. Das alles aber diente eigentlich nur dazu, die Zeit bis zu ihrer Volljährigkeit zu überbrücken. Dann konnte sie niemand mehr hindern, sich für ein Lehrerexamen zu melden. Sie ging nach Berlin - und blieb dort dann fast ihr ganzes weiteres Leben.

Ohne Schwierigkeiten bestand sie das Lehrerinnenexamen, nachdem sie sich von einem Repetitor in nur wenigen Wochenstunden das Pflichtpensum in Religion und brandenburgischer Geschichte hatte einpauken lassen. Nach kurzem Zwischenaufenthalt in Heidelberg erhielt sie dann eine Anstellung in einer Privatschule, den Crainschen Anstalten, als Lehrerin in der höheren Mädchenschule und als Leiterin der Seminarklasse. Hier blieb sie immerhin 15 Jahre lang. In dieser Zeit sammelt sie weiter Material über die Ausbildungssituation der Mädchen in den Ländern Europas und den Vereinigten Staaten und beginnt auf dieser Grundlage - zusammen mit gleichgesinnten Frauen- den öffentlichen Kampf für eine bessere, den Jungen gleichberechtigte Ausbildung der Mädchen in Deutschland. Sie verfaßte Kampfschriften und beteiligte sich an Petitionen für die Landtage der Bundesländer und den Reichstag. In den Folgejahren erschien eine Vielzahl von Schriften. 1889 schuf sie sogenannte "Realkurse" für Frauen, in denen erstmals Latein, Mathematik und Naturwissenschaften unterrichtet wurden. Daraus entstanden dann 1893 Gymnasialkurse, die zum Abitur führten. Schon 1896 machten die ersten sechs Mädchen ein Abitur. Und dazu kann vermerkt werden, daß die Leistungen überdurchschnittlich gut waren Die Stadt Berlin richtete daraufhin in den Folgejahren drei Gymnasien für Mädchen ein. Damit hatte Helene Lange einen wichtigen Schritt zu ihrem Ziel erreicht und ihre eigene Einrichtung selbst überflüssig gemacht. Sie schuf dann 1910 in Hamburg für 200 Schülerinnen die "Soziale Frauenschule", die ab 1927 auch ihren Namen trug. Sie selbst war dort von 1917 bis 1920 als Lehrerin tätig. Auch im politischen Bereich war Helene Lange tätig. 1890 gründete sie den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein, weil sich die Frauen durch die männlichen Kollegen nicht genügend vertreten sahen. 1892 wurde sie dann Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF). Und schließlich gab sie auch eine eigene Zeitschrift, "Die Frau", heraus, die als Informations- und Kampfblatt zur Durchsetzung der Rechte der Frauen gedacht war. Sie starb am 13. Mai 1930 in Berlin.

Das alles klingt ungeheuer nüchtern und gibt uns sicher nicht alleine Hinweise zur Beantwortung unserer Anfangsfragen. Deshalb noch einige Anmerkungen zu ihrer Persönlichkeit: Helene Lange war nie verheiratet, aber nicht etwa, weil sie vielleicht "keinen mehr abgekriegt" hätte. Sie war nicht der Typ des intellektuellen Blaustrumpfes; im Gegenteil, sie hatte als Mädchen und als junge Frau die gleiche Zuwendung zum Leben und die gleiche Freude daran, die uns auch heute noch sehr geläufig ist: Sie tanzte gerne, sie ritt gerne aus - alleine oder mit Freunden und Freundinnen. Und noch etwas: Sie wird von allen als außergewöhnlich hübsch beschrieben. Das verdeutlichen uns selbst die Bilder noch, die von ihr im hohen Alter gemacht wurden.

Schwer fällt uns nun jedoch eine Antwort auf die Frage, weshalb man dieser Schule zu verschiedenen Zeiten die unterschiedlichen Namen gegeben hat und ob sich aus den Namen jeweils auch unterschiedliche Programme für die Zielsetzungen und Bildungsinhalte ableiten ließen oder heute noch ableiten lassen.

Schließlich bestand die Schule schon nahezu sechs Jahre, als sich 1890 die Eltern dazu durchrangen, ihr den Namen "KaiserinAuguste-Viktoria-Gymnasium" zu geben. Wir kennen die genauen Hintergründe nicht und sind deshalb auf Spekulationen angewiesen. Sicher ist aber, daß die Gründung eines humanistischen Gymnasiums in der fast reinen Arbeiterstadt Linden ohnehin nur den Willen einer kleinen, herausgehobenen Bevölkerungsschicht darstellt. Und diese Schicht war fast ausnahmslos einer konservativen Grundhaltung verpflichtet. Hinzu kam wohl auch, daß man bewußt oder unbewußt mit den Gymnasien der Nachbarstadt Hannover konkurrieren wollte. Damit waren die Bildungsinhalte in mehrfacher Hinsicht zwangsläufig vorgegeben und festgelegt. Es konnte sich nur um eine enge Anlehnung an das Humboldtsche Bildungsideal handeln.

Nun galt es noch, einen wohlklingenden Namen zu finden, denn auch das war damals üblich; und außerdem hatten schließlich auch alle Gymnasien in Hannover große Beinamen, die auf eine lange Tradition hinwiesen. Unter dem Konkurrenzgesichtspunkt blieb dann wohl auch nur noch der Griff nach den Sternen. Und dieser Stern war ja gerade erst aufgegangen, durch die kurz zurückliegende Krönung des Kaiserpaares, durch die Beliebtheit der jungen Monarchin.

Und diese Schule behielt dann auch fast 60 Jahre den einmal angenommenen Namen. Sicher ist schon einigen Bürgern unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg mancher Zweifel an der Zweckmäßigkeit dieses Namens gekommen, aber eine Umbenennung ist fast immer sehr schwierig. Und außerdem hatte sich bis dahin durch die Schule und ihre Leistungen, durch die Absolventen und nicht zuletzt in der Stadt Linden eine eigene Tradition gebildet, die man bei einer Umbenennung hätte zerstören müssen. Und selbst heute mag es immer noch Schüler geben, die seinerzeit diese Schule besuchten und traurig sind, daß diese Schule - immerhin war es ja ihre Schule! - nicht mehr den alten, vertrauten Namen trägt.

Als dann 1948 der Antrag gestellt wurde, die Schule umzubenennen, suchte man nach einer Namensgeberin, die gleichzeitig echte Patin sein konnte, deren Lebenswerk und Schaffen auch in irgendeiner Weise Richtschnur für die Arbeit in der Schule sein konnte. Kurz vor Kriegsausbruch war die Schule in eine Mädchenoberschule umgewandelt worden, weil die feindselige Haltung des damaligen Regimes gegenüber humanistischen Gymnasien seine Wirkung nicht verfehlt hatte und die Zahl der Schüleranmeldungen ständig zurückging, so daß das alte Gymnasium "ausgehungert" zu werden drohte. Was lag nun also näher, als sich nach einer Patin umzusehen, die sich besonders um die Mädchenbildung bemüht hatte. Und da in diesem Bereich unter den großen deutschen Pädagogen die Auswahl nicht besonders groß war, fiel die Wahl fast zwangsläufig auf Helene Lange.

Bei der Umbenennung spielte nun der Wille, ein Programm für die Schule zu finden, in zweifacher Weise mit, einmal war schon das Fallenlassen des alten Namens Konzept für einen Neubeginn. Die sich aus den Trümmern entwickelnde neue Demokratie in einem neu geschaffenen Bundesland, das sich gezielt von preußischen Traditionen abwenden wollte, hatte keinen Platz mehr für Schulen, die allein schon durch ihren Namen den Verdacht aufkommen ließen, sie würden dem Konservativismus verhaftet sein. Der neue Staat, der unter anderem auch erstmals in Deutschland konsequent die volle Gleichberechtigung von Männern und Frauen verwirklichen wollte, tat gut daran, damit im Bildungswesen anzufangen. Der Name Helene Langes war prädestiniert, um beide Richtungen auch nach außen hin deutlich zu machen. Und selbst in unserer Zeit ist offenbar das Gedankengut von ihr immer noch aktuell. Sie würde immer noch kämpfen und versuchen, auch die letzten Reste weiblicher Benachteiligung in unserer Gesellschaft zu beseitigen. Aber heute würde sie sicher an der Seite von Männern kämpfen, weil man hier genug Mitstreiter finden könnte. Auch ihre Mittel würden vermutlich andere sein. Um die Emanzipation der Frauen zu erreichen, hatte sie im 1. Weltkrieg die Dienstpflicht für Frauen gefordert und ist nicht gerade dieser Anspruch in unseren Tagen wieder höchst aktuell? Nur - Helene Lange hätte diese Forderung heute sicher nicht mehr nötig!

Wenn sie heute diese Schule betrachten könnte, würde sie sich sicher wundern. Sie würde erstaunt sein, was inzwischen alles zum Fächerkanon auch für Mädchen gehört.

Sie würde wohl kaum etwas an Mütterlichkeit im Fach Informatik finden. Aber sie würde sich auch freuen, daß Jungen und Mädchen voll gleichberechtigt miteinander lernen, mit gleichen Rechten und Pflichten. Sie würde sich freuen, daß - wie nirgends sonst in unserer Gesellschaft - Lehrerinnen und Lehrer gleichberechtigt sind. Sie befürchtete, daß "manche am Ruder stehen und doch keineu Kompaß haben". Wir wollen der Schule wünschen, daß sie allen, die sie durchlaufen, den Kompaß fürs Leben mit auf den Weg geben kann.

Dr. Herwig Oehlschläger (Privatdozent, Akad. Direktor an der Universität Hannover)

 
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