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Home Wir über uns Schulgeschichte

Vom Arbeiter- zum Szenestadtteil
Vom humanistischen Gymnasium zum lebendigen Lernort

 

Linden lebt

Sogar ein großer Hannoverscher Reiseveranstalter empfiehlt im Internet dem Hannover-Reisenden einen Besuch in Linden: „Im Stadtviertel Linden laden kleine Boutiquen zum Schlendern und Stöbern ein. Nicht verpassen: Nach dem Lindenbummel ein Stück Kuchen im Café K essen.“ Heute wird der quirlige Stadt­teil von Menschen mit sehr unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hin­tergründen bewohnt. ,,Multikulti“ wird das überwiegend friedliche Zusam­menleben gerne genannt. Zum Wohnen und Ausgehen ist Linden beliebt bei jungen Familien, Zuwanderern und Studenten. Die echten, alten Lindener, die es auch noch gibt, nennen sich Butjer: Sie lebten draußen, „buten“, außerhalb der Stadtmauer von Hannover. Das Wort Butjer hat einen niederdeutschen Ur­sprung und beschreibt auch kleine Kinder, die einen Riesenspaß daran haben, ausgelassen und fröhlich draußen zu spielen und zu toben. Freche Jungs und Gören. Das passt zum Selbstverständnis vieler Lindener.

Ein Vorbild deutscher Frömmigkeit und Treue

1884 wurde in Linden ein Gymnasium eröffnet. Das Schulhaus stand zunächst in der Eleonorenstraße. Die Gründung dieser Schule ist einer der Schlusssteine des Weges, den das Dorf Linden zur Stadt zurückgelegt hat: Außer dem Gymnasium baut Linden, die aufstrebende Industriesiedlung vor den Toren der Stadt Han­nover, im Jahr 1884 sein erstes Rathaus an der Deisterstraße. Die Volkschule an der Davenstedter Straße, die heutige Grundschule Lindener Markt, wurde ebenfalls in die­sem Jahr eröffnet. Am 1. April 1885 feiert Linden, das viertgrößte Dorf Preußens, den Übergang zur städtischen Verfassung. 1895 hat die junge Stadt, zu der ab 1909 auch die Orte Limmer, Davenstedt, Badenstedt und Bornum gehören, 35851 Einwohner. 1920, bei der Eingemeindung Lindens nach Hannover, sind es sogar 83000. Grund dieser Be­völkerungsexplosion ist die Industrialisierung: Wo Schornsteine rauchen und Maschinen rattern, brauchten Unternehmer Arbeitskräfte. Männer, Frauen, Jugendliche und Kinder.1 Und so strömten die Landlosen nach Linden, aus dem Calenberger Land, aus dem Eichsfeld, aus Sachsen.

Dass die erste Namensgeberin der Schule, Kaiserin Auguste Viktoria, eine Frau war, ist auch deshalb bemerkenswert, weil bis 1939 nur Jungen das hu­manistische Gymnasium besuchten. Erst 6 Jahre nach der Gründung, zur Einweihung des neuen Schulhauses an der Falkenstraße im Jahr 1890, erhielt die Schule auf Wunsch der Schülereltern, des zahlenmäßig kleinen, konservativen Lindener Bürgertums, den Namen der Kaiserin. Die Kaiserin kam extra nach Linden, betrat allerdings nicht die Schule. Im Vorfeld ihres Besuchs ließ sie mitteilen, „daß Ihre Majestät die Kaiserin und Königin am 3. September [1898] auf der Fahrt zum Paradefelde bei der Ehrenpforte am Eingang zur Stadt Linden einen kleinen Blumenstrauß von einigen Schülern des Auguste Viktoria-Gymnasiums gern entgegen­nehmen werde." (100 Jahre Gymnasium in Linden, S. 65) Zum Dank erhielt der artige Überbringer der Blumen per Post Manschetten-Knöpfe als Anden­ken. So ging es zu im Kaiserreich.

Kaisertreue und Proleten

Am Ende des 19. Jahrhunderts lebt in Linden eine kleine Gruppe von kaisertreuen, national gesinnten Beamten und höheren Angestellten. Die Masse aber, 80 Prozent, gehört zum Proletariat, wie sich die Industriearbeiter bei Hanomag und in den Webereien damals noch selbstbewusst nannten. Bei der Reichstagswahl 1928 stimmten rund 80% der Lindener für SPD und KPD. 1934 bis 1936 waren viele Lindener Mitglieder der Sozialistischen Front, die eine der größten Widerstandsbewegungen des Dritten Reiches war.

Dieser proletarischen Mehrheit wollte das Lindener Bürgertum etwas entgegensetzen: 1899 wird das neue Rathaus am Marktplatz eingeweiht. Gleich gegenüber, an der Ecke Niemeyerstraße und Posthornstraße, entsteht das Gebäude des Kaiserlichen Postamtes. Das Gymnasium stand also mittendrin und sollte mit dazu beitragen, den proletarischen Ruf der Stadt loszuwerden.

Im Wechsel der Zeiten bleiben in der Schu­le trotz vieler Reformbewegungen manche Dinge offenbar stets gleich: Werner Fobbe, der 1932 am Kaiserin Auguste Victoria-Gym­nasium sein Abitur abgelegt hat, berichtet anschaulich über das Abschreiben von Haus­aufgaben in den 20er Jahren: „In den Pausen spielten die sog. ,Pausenarbeiten' eine erhebliche Rolle, mit deren Hilfe bei den Hausauf­gaben Versäumtes oder Unverstandenes mit meist geringem Effekt nachgeholt werden sollte. Soweit diese Tätigkeit nicht verbote­nerweise in den Klassenräumen erledigt wer­den konnte, wurde sie in den schwer einzusehenden Weg zu den Toiletten verlegt. Ohne jeden Wetterschutz, von Büschen eingerahmt, führte er um den Nordflügel herum hinter das Schulgebäude. Hier wurden stehend an der Hauswand schriftliche Arbeiten erledigt. Bis zum Aufkommen der Füllfederhalter wurden vielfach Schüler der unteren Klassen verpflichtet, das Tintenglas zum Federein­tauchen zu halten. So wurde der Nachwuchs frühzeitig an die unerwünschten Seiten des Schulalltags herangeführt." (100 Jahre Gym­nasium in Linden, S. 24)

Helene Lange

Zum 1. April 1939 wird das Kaiserin Auguste Viktoria-Gymnasium in eine Mädchenober­schule mit hauswirtschaftlicher Ausrichtung umgewandelt, weil die Nationalsozialisten keine Freunde humanistischer Bildung wa­ren. Frauen gehörten ins Heim und an den Herd, bis sie im Rahmen der allgemeinen Mobilmachung in der Waffenproduktion bei der Hanomag oder der Maschinenfabrik Kör­ting eingesetzt wurden. Noch heute erinnern zwei Gedenktafeln im oberen Flur des alten Gebäudeteils an die Lehrer und Schüler, die samt ihrer Zukunft auf den Schlachtfeldern der Weltkriege begraben wurden und die Kriege nicht überlebten.

1945, nach dem Ende des „Dritten Reiches", hat Kurt Schumacher sein Büro in der Nachbarschaft der Schule. Von der Jacobstraße 10 aus gründet er die SPD neu und legt da­mit in Linden einen wichtigen Grundstein der späteren Bundesrepublik. Wie im Land steht auch in der noch immer nach der alten Kaiserin benannten Schule ein Wechsel an - wenigstens des Namens, wobei bezweifelt werden darf, dass das Kollegium mit dem Na­men auch die antisemitischen und nationalen Gesinnungen vollständig abgelegt hat. Am 9. April 1948, zum 100. Geburtstag von Helene Lange (1848-1930), wird die Schule nach hef­tigen Debatten innerhalb des Kollegiums auf Antrag der Schulleiterin nach der Pädagogin und Frauenrechtlerin benannt. Diese hatte sich und anderen die Möglichkeit erkämpft, als Lehrerinnen an Gymnasien unterrichten zu dürfen. Entgegen den überkommenen Mo­ralvorstellungen der obrigkeitsstaatlichen Ge­sellschaft verfocht Helene Lange das Ziel einer wissenschaftlichen Bildung auch für Mädchen und führte privat ein unkonventionelles Leben: Ohne Mann und Kind lebte sie in einer Lebens­gemeinschaft mit Gertrud Bäumer.

Förderung der Selbständigkeit

Seit 1952 gab die Helene-Lange Schule regelmä­ßig ein Jahrbuch heraus, um „die Verbindung zwischen Elternschaft und Schule" zu festigen und zu erreichen, dass die Schülerinnen „die Helene-Lange Schule noch mehr als bisher als ihre Schule empfinden, in der sie nicht nur etwas gelernt haben, sondern die ihnen auch Lebensraum für viele Jahre gewesen ist." (Jahrbuch 1952/53, S. 5) Was die Schulleiterin Dr. Ko­ellner 1953 über die Zielsetzung des Unterrichts schreibt, Iiest sich beinahe wie ein Beitrag zur aktuellen Bildungsdebatte: „Der Lehrer wird danach streben, seine Klasse möglichst selbständig arbeiten zu lassen. Die Schüler sollen ihre geistigen Kräfte üben und entfalten. So­weit der Stoff es irgend zuläßt, wird in einem Unterrichtsgespräch zwischen dem Lehrer und den Schülern der Gehalt einer Dichtung, das Charakteristische einer Landschaft erarbeitet, die treffendste Übersetzung gesucht, die mathe­matische Aufgabe gelöst. Der einzelne soll sich nicht damit begnügen, Vorgedachtes nachzu­denken, er muß selbst Wege sehen und den Mut haben, sie zu gehen." (Jahrbuch 1952/53, S. 8)

In den 50er Jahren gab es wöchentliche Mor­genfeiern in der Aula, montags für die unteren, samstags für die oberen Jahrgänge. Schülergruppen musizierten, Lehrer hielten Vorträge und die Klassen spielten Theater. Zur Besetzung der männlichen Rollen dieser Laienspiele wur­den gelegentlich Jungs von der Bismarckschule ausgeliehen. Die Stofffülle des Unterrichts wur­de übrigens auch damals schon beklagt, für die Entwicklung einer wirklichen Schulgemein­schaft wurde dennoch Zeit reserviert.

Was bleibt im Wechsel?

Die pädagogisch ambitionierten 70er Jahre bringen neue Veränderungen im Stadtteil und der Schule: Zwischen 1950 und 1970 warb die Bundesrepublik im Ausland Arbeitskräfte an. Viele Migrantinnen und Migranten, vor allem aus der Türkei, ließen sich dauerhaft in Lin­den nieder. 1971 wird die Integrierte Gesamt­schule Linden als erste Schule dieser Art in Hannover gegründet. Zwischen 1971 und 76 entsteht das damals größte innerstädtische Bauprojekt der Bundesrepublik, das Ihme­zentrum, das heute zu verfallen droht. Und die Helene-Lange Schule wird 1971 koedu­kativ: Nachdem zuerst nur Jungen und dann nur Mädchen unterrichtet worden waren, besuchen nun beide Geschlechter gemeinsam das Gymnasium.

Auch andere Entwicklungen verändern das Gesicht des Stadtteils Linden: 1984 geht die Hanomag in Konkurs, die berühmte Lokomo­tiven-, Automobil-, Traktoren- und Waffen­schmiede. Der Vorläufer der „Hannoverschen Maschinenbau AG" war 1835 von Georg Egestorff als Eisengießerei und Maschinen­fabrik gegründet worden und hatte neben der Spinnerei- und Webindustrie maßgeblich den Prozess der Industrialisierung Lindens befördert. 2000 schließt die traditionsreiche Lindener Brauerei. Was bleibt, ist die Schule an der Falkenstraße, im Zentrum Lindens, das unerwünschte, gelegentliche Abschrei­ben der Hausaufgaben in der Pause und das Ziel, die Schülerinnen und Schüler aller Na­tionalitäten und Gesellschaftsschichten auf ein selbständiges und selbstbewusstes Leben vorzubereiten.

Dr. Stefan Helge Kern

 

1Hans-Jörg Hennecke: Linden - eine wahnsinnige Geschichte, http://www.hallolinden.de/2002/Linden_-_eine_wahnsinnige_Gesc/linden_-_eine_wahnsinnige_gesc.html

 
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