logo
   

Home

Die Furcht des weisen Mannes

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Sagte einst Sokrates und freute sich über sein elegantes Paradoxon, das allerdings nicht auf ungeteilte Zustimmung stieß. Goethe zum Beispiel bereitete dieselbe Erkenntnis nur wenig Vergnügen, als er nämlich seinen Faust kleinmütig einsehen ließ, „dass wir nichts wissen können.“

Nun scheinen wir allerdings in glücklicheren, aufgeklärteren Zeiten zu leben, in denen man, wenigstens in der Theorie, alles wissen könnte. Wikipedia!, Google!, Siri!, sie alle scheinen den einen gemeinsamen Anspruch zu haben, nicht Sokrates sein zu wollen. Keinen Zweifel mehr zuzulassen. Zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Faustisch zu sagen:

„Ich weiß, dass ich alles weiß.“

Nur wohnt diesem Satz ebenfalls ein Paradoxon inne. Die Aussage enthält einen unendlichen Regress, denn wenn man alles wüsste, wäre das Wissen darum Teilmenge seiner selbst. Wenigstens in Bezug auf die Mengenlehre scheint Googles lyrisches Ich also noch Nachholbedarf zu haben.

Und, auch wenn Siri hier die Faust in der Tasche ballen mag, allwissend ist kein Algorithmus. Keine Suchmaschine weiß alles. Jeder Schwarmintelligenz gehen Informationen durch´s Netz.

Diesen sokratischen Beweis haben gestern einige Schüler des 12. Jahrgangs der Helene-Lange-Schule geführt. Ihre Facharbeiten beschäftigten sich mit Fragestellungen, die jedes ´OK,-Google´-Handy-Gestammel ad absurdum führen und deren Antworten sicherlich noch keinem Search Engine ins allwissende Netz gegangen sind.

Kostproben gefällig?

1. Was ist der Sinn des sokratischen Nichtwissens?

(Google erschlägt den Leser hier mit Querverweisen, bleibt aber eine Antwort schuldig.)

2. Kann die Elbphilharmonie als Beispiel moderner Kulturrepräsentation gesehen werden?

(Google weiß hierzu etwas: Die Elbphilharmonie ist --- eröffnet! Danke, Google!)

3. Welche Facetten der Berichterstattung über die Falklandinseln können als Beispiel für politische Propaganda gesehen werden? (Google wiederkäut lediglich den historischen Plot, versäumt aber die sprachliche Analyse. Thema verfehlt, Google!)

Die Schülerinnen und Schüler stellten ihr nicht vorgekautes Selbstgedachtes einer Jury aus Lehrern, Schülern und Mitgliedern des Lions Club vor. Letzterer prämierte denn auch gleich – Stichwort Exzellenzförderung - mit großzügigen Finanzspritzen die besten Arbeiten:

Platz 1 belegte Hanna Lina Pleteit, die sich mit der Auswirkung der Smartphonenutzung auf die Fahrtüchtigkeit junger Fahrer beschäftigte (Hashtag: Crash Royale!)

Den zweiten Platz konnte Darian Liehr erringen, der den Einfluss des Staates auf den Leistungssport am Beispiel des Fußballs in der DDR untersuchte (Hashtags Mielke, Eigendorf, BFC Doppeldynamo Berlin!).

Auch die darauffolgenden Ränge wurden pekuniär vergütet, aber jenseits des bloßen materiellen Gewinns bleibt den Teilnehmern vor allem die schöne sokratische Gewissheit, dass gerade aus dem Unwissen heraus die wichtigsten Fragen entstehen können.

Fragen, die man nicht unbedingt immer sofort eindeutig beantworten kann. Fragen, die uns vielleicht deswegen am meisten lehren.

Denn, um Patrick Rothfuss und sein großartiges und sehr sokratisches Buch „Die Furcht des weisen Mannes“ zu paraphrasieren: gibt man jemandem eine Antwort, dann ist alles, was derjenige gewinnt, lediglich ein kleiner, weiterer unbedeutender Fakt. Aber gibt man jemandem eine Frage mit auf den Weg, wird er nach seinen eigenen Antworten suchen.

Die Furcht des weisen Mannes wäre in diesem Sinne nicht die, dass er keine Antwort hat. Vielmehr fürchtet er, nicht mehr die richtigen Fragen stellen zu können.

In diesem Sinne möchten wir allen Beteiligten, angefangen bei Herrn Richter, dem Leiter der Fachgruppe Seminarfach, über die involvierten Lehrkräfte bis hin zu den Sponsoren vom Lions Club, ein großes Dankeschön aussprechen – in der Hoffnung auf einen hoffentlich ähnlich inspirierenden Abend im nächsten Jahr, der Fragen aufwirft, die bleiben.

Lars Klene



 
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow
  • An Image Slideshow